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Eine Krise als Chance?!

Die Krise hat uns alle überrascht! Der Alltag von vielen Menschen steht still, gewohnte Abläufe und Tätigkeiten sind ausgesetzt, wir alle müssen mit der aktuellen Situation umgehen lernen. Noch bis vor einer Woche war alles soweit normal und dann plötzlich... Stagnation, Ungewissheit und Angst beherrschen unseren Alltag. 

 

Während viele Menschen sich fragen wie es weitergehen wird, so scheint sich die Natur über diese „Pause“ zu freuen. Von überall aus der Welt erreichen uns Meldungen und Bilder beispielsweise wie das Wasser in den Kanälen Venedigs wieder kristallklar wird, Delfine sich wieder in die Häfen und Lagunen der adriatischen Küste wagen, der Himmel in China wieder klar und strahlend wird. Selbst die Luft scheint sauber, frischer und voller frühlingshafter Gerüche intensiver wahrnehmbar geworden zu sein. 

 

Nachdem viele Menschen die erste Schockstarre durch die drastischen, aber notwendigen Maßnahmen unserer Regierung in dieser Covid-19-Krise verdaut habe, scheint langsam ein Umdenken stattzufinden. Während vor dieser für uns alle ungewohnten Ausnahmesituation, die Freizeit in erster Linie vor den TV-Geräten verbracht wurde, oder durch soziale Medien und Handys dominiert war, wird die nun neu gewonnen Freizeit immer häufiger dafür genutzt, längst Liegengebliebenes im Haushalt zu erledigen, den schon lange prokrastinierten Berg an Arbeit im Homeoffice zu erledigen, mit Freunden und Familie über Telefon oder Videokonferenz intensiveren Kontakt zu halten als je zuvor, oder um bereits längst vergessene Ressourcen, Hobbies und Interessen wieder zu entdecken!

 

In manchen Menschen macht sich bereits ein Gedanke breit: Vielleicht liegt in dieser Krise auch eine Chance, sowohl für jeden einzelnen von uns, als auch für unsere gesamte Gesellschaft und unser Miteinander? Vielleicht kann diese unfreiwillig gewonnene Zeit auch dafür genutzt werden, um das eigene Lebensskript zu überdenken, die bisher als gegeben angenommenen Wertesysteme kritisch zu reflektieren und unseren Lebens- und Arbeitsmodus nachhaltig zu verändern! 

Was für viele Menschen vor der Krise oft kaum realisierbar oder undenkbar war, kann vielleicht ab nun realisiert werden – nämlich das eigene Leben in Balance zu bringen, ungesunde frühere Muster aufzulösen und durch gesunde sowie für die individuelle Entwicklung hilfreiche zu ersetzten. Vielleicht können wir jetzt sogar Möglichkeiten und Wege finden konformistische, dogmatische, konflikthafte, der individuellen Entwicklung entgegenwirkende und konsumorientierte Wertesysteme und Muster zu überdenken und durch menschliche, humanistische, durch Mitgefühl, Wertschätzung sowie gegenseitigen Respekt geprägte Denk- und Verhaltensweisen zu ersetzten – nicht nur im Zusammenleben mit unseren Familien, Freunden, Partner*Innen und Kolleg*Innen, sondern vor allem auch uns selbst gegenüber!

 

Viele namhafte Expert*Innen postulieren, dass die Volkskrankheit Nummer Eins in unserer heutigen Zeit die Einsamkeit ist, doch auch, wenn viele von uns jetzt aufgrund der Vorschriften und dieser Krise alleine sein müssen, so erzählen mir viele Menschen zur Zeit, dass sie sich weniger einsam fühlen als vor der Krise, dass Sie schon seit langem nicht mehr so viel mit andern gesprochen und kommuniziert haben wie seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen und auch, dass sie noch nie so viel Mitmenschlichkeit, Gemeinschaft und Zusammenhalt erlebt habe, selbst unter zuvor sich fremden Nachbarn, wie in den vergangenen Tagen!

 

Wir alle sind derzeit von den gleichen Ängsten, Unsicherheiten und Sorgen betroffen und wir alle sind im Moment gefordert, oft aufgrund der bisher ungewohnten und vielen Zeit die wir mit unseren Mitmenschen auf engem Raum verbringen, oder auch mit uns alleine. Vor allem in solchen Krisen wie jetzt ist es besonders wichtig, dass wir Wege finden achtsam, wertschätzend, verständnisvoll, menschlich und respektvoll mit uns und anderen umzugehen, dass wir konsequent und bewusst darauf achten, wie wir miteinander kommunizieren, welche Worte wir wählen, aber auch auf unsere eigenen Gedanken und Reaktionen. 

Darum handelt es sich aber um einen Grundsatz, der nicht nur in Zeiten der Krise Gültigkeit hat, sondern generell in unser Denken und in unseren Alltag Einzug halten sollte!

 

Wie schwierig der respektvolle, verständnisvolle und wertschätzende Umgang häufig sein kann, zeigt sich an den in manchen Haushalten und Beziehungen aktuell zunehmenden Konflikten und leider auch an den zunehmenden Zahlen der häuslichen Gewalt! Jedoch kann jeder einzelne von uns dazu beitragen, damit es nicht zu Konflikten bzw. zu solchen Eskalationen in unserem eigenen zu Hause kommt. Es ist essentiell, dass wir in dieser schwierigen Zeit verständnisvoll, rücksichtsvoll und respektvoll mit anderen umgehen! 

Das gilt aber nicht nur für den Umgang mit unseren Mitmenschen, sondern auch für den Umgang und die Beziehung mit uns selbst! 

 

Ob diese Krise für unsere Gesellschaft eine Chance sein wird und vielleicht sogar zu beispielsweise einem Systemwechsel führen kann, wird sich in der Zukunft zeigen ... ob wir sie individuell für uns selbst zu einer Chance werden lassen, bedarf unserer eigenen subjektiven Entscheidung und der Bereitschaft gegenüber Veränderungen nicht in den Widerstand zu gehen, sondern unsere menschlichsten Fähigkeiten uns nutzbar zu machen, nämlich die Fähigkeiten zu reflektieren, uns anzupassen, zu entscheiden, empathisch zu sein, lernfähig zu sein und kreativ lösungsorientiert zu denken und zu handeln!

 

Auch wenn aktuell immer häufiger Zukunftsforscher, Ökonomen und Politiker zu lesen sind, die prognostizieren, dass nach dieser Krise vieles anders sein wird also vorher, so muss das nicht bedeuten, dass es deswegen schlechter sein wird. Ob diese Krise eine Chance für unsere Gesellschaft, für unsere eigenen sozialen Systeme wie beispielsweise unsere Familien und Freundeskreise, aber auch für uns selbst ganz individuell werden kann, hängt von jedem einzelnen von uns ab und ob wir an alten Mustern weiter festhalten oder an uns arbeiten und es möglicherweise nachhaltig schaffen, uns für neue Entwicklungspotentiale zu öffnen, uns selbst wieder mehr zu reflektieren und einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit unseren Mitmenschen und in unserem Alltag zur Gewohnheit werden lassen.

 

(Thomas Rotter BA pth., PROJEKT-LEBEN)